Hauptsache Kunst
Kunst ist entweder Tapete oder Aktie. Was sie eigentlich sein sollte, fragt kaum noch jemand.
Büdelsdorf ist kein Ort, an den man aus Versehen fährt. Irgendwo zwischen Rendsburg und dem nächsten Kreisverkehr in Schleswig-Holstein, eine gute Zugstunde von Hamburg, Anreise empfiehlt sich nicht spontan. Wer trotzdem kommt – und jedes Jahr kommen über hunderttausend –, betritt die Carlshütte, eine ehemalige Eisengießerei, und findet sich zwischen 203 Künstlerinnen und Künstlern aus 50 Ländern, ausgewählt aus rund 3.000 Bewerbungen. Die NordArt nennt sich eine der größten kuratierten Jahresausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa. Das stimmt wahrscheinlich.
Kuratorin Taso Gramm sagt, man müsse kein großes Kunstverständnis mitbringen. Das stimmt auch. Und genau da beginnt das Problem – oder, je nach Standpunkt, der Erfolg.
Ungefähr 850 Kilometer südlich, Fahrzeit mit dem Auto rund acht Stunden, mit dem Zug ab Hamburg gut sieben, läuft Art Basel: 290 der weltweit führenden Galerien, VIP-Preview für jene, die solche Dinge brauchen, Eintrittskarten ab siebzig Franken. Daneben, auf dem Messeplatz, die VOLTA: 69 Galerien aus 26 Ländern, neue Sektion namens FRISCHE!, und das Selbstverständnis, Entdeckungen zu ermöglichen. Der Art Basel and UBS Global Art Market Report 2026 meldet gleichzeitig, dass die weltweiten Kunstverkäufe im vergangenen Jahr um vier Prozent auf rund 59,6 Milliarden Dollar gestiegen sind. Bemerkenswerte Widerstandskraft, heißt es.
Das Format formt. Die Kunst folgt.
Ich war vor einigen Jahren auf einer kleineren Kunstmesse, und ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Galeristin, deren Stand zu einem Drittel aus großformatigen Acrylarbeiten bestand: Farbflächen, angedeutete geometrische Formen, warm, harmonisch, drei Töne maximal. Auf meine Frage, was die Arbeiten inhaltlich treibe, sagte sie ohne Zögern: „Die passen in fast jeden Wohnraum." Sie meinte das nicht zynisch. Sie meinte es als Qualitätsmerkmal.
Das ist der Moment, in dem man die Verschiebung versteht. Nicht als Skandal. Als stille Übereinkunft.
Der messefähige Teil zeitgenössischer Kunst hat sich zu etwas entwickelt, das man mit Freundlichkeit als ästhetisch kuratierte Objektwelt bezeichnen kann – dekorativ, glitzernd, verspielt, mit versteckter Ironie als Schmiermittel. Die Ironie macht das Werk gesellschaftsfähig und den Sammler komfortabel: Man kauft nicht naiv, man kauft mit Augenzwinkern. Das ist teurere Naivität, aber immerhin.
Nicht weit davon entfernt, und doch eine andere Welt: In einem ehemaligen Kaufhaus in der Hamburger Innenstadt – leergeräumt, zwischengenutzt, was ja irgendwie passt – war ich vor einiger Zeit auf einer Pop-up-Galerie. Eine Künstlerin hatte Strich neben Strich, Zeile über Zeile auf eine zwei mal einen Meter große Leinwand gesetzt. Fleißig, präzise, geduldig. Schön war es. Auch ein bisschen wie Meditation, vielleicht. Direkt daneben: ein Künstler, der sein Frühstück von oben auf eine quadratische Fläche gemalt hatte – Tasse, Toastscheibe, Orangensaft, Schatten. Verkaufte sich gut, hörte ich.
Ich sage das nicht, um diese Künstler zu beschämen. Die Frau mit den Strichen arbeitet. Der Mann mit dem Frühstück macht etwas. Aber die Frage, die sich in diesem leeren Kaufhaus stellte und die ich nicht loswurde: Was unterscheidet das noch von einer gut gestalteten Tapete? Und wer hat entschieden, dass es Kunst ist – und nicht nur: angenehm?
Die Antwort lautet meistens: alle. Kunst ist zum Allgemeingut geworden. Jeder kann mitreden, jeder hat eine Meinung, jeder hängt etwas auf. Das klingt demokratisch und ist es auch – aber Demokratisierung hat einen Preis. Die Beliebigkeit der Themen und Ausführungen wächst in dem Maß, in dem der Begriff sich ausdehnt. Wenn alles Kunst sein kann, ist der Begriff keine Auszeichnung mehr. Er ist eine Einladung zur Unverbindlichkeit.
Was früher das Beiprodukt war – die Marktförmigkeit von Kunst –, ist heute der strukturierende Kern. Die Messen folgen nicht der Kunst; die Kunst folgt den Messen. Das Werk entsteht bereits im Wissen um die Koje, die Lichtverhältnisse, die Sichthöhe, den Sammlergespräch-Radius. Kuratoren sprechen von „Positionen" wie Schachspieler von Figuren. Galerien führen „Portfolios". Der Auktionsrekord ist Kritik.
Die NordArt sieht sich ausdrücklich als Gegenentwurf dazu. Eine freie Journalistin beschrieb sie 2013 als „seltene Perle in einem Meer kommerzieller Gleichförmigkeit", als Ort, an dem „noch experimentiert werden darf". Chefkurator Gramm nennt die Carlshütte einen „kulturellen Freiraum und Inspirationsquelle". Das klingt schön – und es ist nicht gelogen. Aber auch das Gegenprogramm hat ein Format. Auch dort gibt es Preise, Pavillons, Botschafts-Kooperationen, Katalogtexte. Auch dort gilt: Was einen Preis gewonnen hat, kehrt im nächsten Jahr mit neuen Werken zurück. Der Unterschied zur Art Basel ist graduell, nicht prinzipiell.
Das Format prämiert das Sofort-Verständliche. Die Messegeschwindigkeit – schnell, sozial, vergleichend – verträgt kein Werk, das Stunden fordert. Was sich nicht in dreißig Sekunden erschließt oder zumindest fotografieren lässt, verliert. Nicht weil das Publikum dumm wäre. Wegen der Struktur.
Die Kunst und ihre Themen – und was davon übrig bleibt
Die Themen fehlen nicht. Die Welt liefert täglich mehr Material, als jede Kunstproduktion verarbeiten könnte. Und tatsächlich entstehen dabei Gemeinsamkeiten über Grenzen: Eine Litauerin in Vilnius und ein Brasilianer in São Paulo, die beide auf denselben geopolitischen Riss starren, haben strukturell verwandte Bilder im Kopf. Die NordArt zeigt das dieses Jahr gleich doppelt: im Baltikum-Fokus mit Litauen, Lettland und Estland – Länder, deren künstlerische Sensibilität aus einer Geschichte von Fremdherrschaft und dem anhaltenden Ringen um Identität gewachsen ist – und in einem eigenen Mongolei-Projekt, das seit 2015 ein festes Programmelement der NordArt ist: nomadische Kultur, animistische Symbolik und westlich geprägte Abstraktion zu einer Bildsprache verbunden, die es auf keiner anderen Messe zu sehen gibt. Elf Jahre, dieselbe Kuratorin Oyuntuya Oyunjargal. Das ist keine Entdeckung mehr – das ist Treue. Und auch das sagt etwas. Das ist real. Ich will das nicht kleinreden.
Aber die Frage ist, was davon auf dem Markt ankommt. Und was Kunst über die tägliche Newsmeldung hinaus leistet – oder leisten sollte.
Gramm beschrieb die Kunst 2024 als Seismografen: „Sie zeichnet die Erschütterungen der Gesellschaft auf." Das ist eine gute Metapher – aber ein Seismograf misst nur. Er bewertet nicht, erklärt nicht, fordert nichts. Er registriert. Wenn das die Ambition ist, reicht es. Wenn Kunst mehr sein will als Protokoll, reicht es nicht.
Bemerkenswert ist auch, was die NordArt über die Jahre zu einem festen Programmpunkt gemacht hat: China. Seit über einem Jahrzehnt kooperiert die Ausstellung eng mit chinesischen Kulturinstitutionen und der Botschaft der Volksrepublik. Zehn der bisherigen NordArt-Preisträger kommen aus China. Das ist einerseits verdienstvoll – chinesische Gegenwartskunst wird im deutschen Ausstellungsbetrieb sonst kaum gezeigt. Andererseits ist es auch ein Markenzeichen geworden, und Markenzeichen haben die Tendenz, aus Entdeckung Routine zu machen.
Die Nachrichtenmeldung reduziert auf das Ereignis. Kunst sollte das Ereignis aufbrechen, das Darunter zeigen, die Struktur freilegen. Wenn aber das Werk bereits als dekorativer Kommentar zum Zeitgeist entworfen wird – griffig, tauglich für den Instagram-Ausschnitt des Sammlers, passend zum Sofa –, dann hat es die Nachricht nicht überwunden. Es hat sie imitiert. Mit schönerem Hintergrund.
Ich sage heute: Ja, ich war auf der Messe. Mehr nicht. Alles nice to have. Und was bleibt? Morgen redet kein Mensch mehr über das Werk, das 2025 oder 2026 ausgestellt wurde. Wie soll das heute als Aktie dienen – wenn der Kurswert vom Vergessen lebt?
Venedig schweigt sich lieber aus
Die Biennale Venedig ist seit 1895 die älteste und in ihrer Selbstwahrnehmung gewichtigste dieser Veranstaltungen. 2026 läuft die 61. Ausgabe unter dem Titel „In Minor Keys" – ein Konzept der kamerunisch-schweizerischen Kuratorin Koyo Kouoh, die im Mai 2025 unerwartet starb. Ihr Team setzt es posthum um: weg von der „ängstlichen Kakofonie" des globalen Durcheinanders, hin zu leiseren Tönen, Emotion, Verbundenheit, Erdung. 111 Künstlerinnen und Künstler in Giardini und Arsenale.
Das ist ein schöner Gedanke. Und gleichzeitig das präziseste Symbol für den Zustand der Kunst: Eine Kuratorin, die die ängstliche Kakofonie satt hat, entwirft eine Gegenwelt der Stille – und stirbt, bevor sie sie zeigen kann. Das Konzept läuft weiter, weil Konzepte das können. Das Werk lebt, weil der Betrieb es so will.
Ganz unpolitisch blieb der Auftakt trotzdem nicht: Die 61. Ausgabe eröffnete unter Protesten, eine Jury trat zurück, eine Eröffnungsfeier wurde abgesagt. Doch es ging um die Zulassung des russischen Pavillons – nicht um ein Bild, eine Installation, eine Aussage. Die Aufregung kam von der Politik, nicht von der Kunst.
Ich suche auf Messen nach dem Werk, das nicht passt. Das sich sperrt, Abgründe auftut, hängenbleibt, von dem ich aufgeregt meinen Freunden erzähle. Das, was ich nicht sofort verstehe und deshalb nicht loswerde.
Dafür braucht es eine Grundbedingung, die der Betrieb systematisch untergräbt: Kunst darf keine Antworten liefern. Der Chefkurator der NordArt, Wolfgang Gramm, sagt: „Kunst sucht Antworten auf alles, was den Menschen bewegt und berührt, und der Mensch kann Antworten in der Kunst finden." Das stimmt – zur Hälfte. Kunst sucht. Das ist richtig. Aber sie findet nicht. Oder sie sollte es zumindest nicht behaupten. Denn sobald die Kunst eine Antwort anbietet, hört sie auf, Frage zu sein. Sie darf frech sein, böse, unbequem – sie ist Kommunikation, aber keine mit Fazit. Sie stellt Fragen, die sich morgen anders anfühlen als heute, und übermorgen wieder anders, je nachdem, wer davor steht. Ein Werk, das mir um zehn Uhr morgens etwas sagt und dir um drei Uhr nachmittags etwas völlig anderes – das ist kein Mangel. Das ist Funktion. Kunst bleibt bei der ewigen Fragerei. Sie weigert sich, fertig zu sein.
Der Messebetrieb will genau das Gegenteil. Er braucht Abschluss: Preisschild, Verkaufsgespräch, Bewertung, Goldener Löwe, Pressemitteilung. Die Infrastruktur des Kunstmarkts ist eine Maschine zur Produktion von Antworten – und Kunst, die sich dem verweigert, klemmt im Getriebe.
Venedig zeigt 111 Werke. Ich glaube, dass darunter solche sind. Aber die Struktur des Ereignisses – Pavillons, Vernissagen, Akkreditierungen, Katalogtexte – schichtet sich so dicht darüber, dass man schon sehr entschlossen suchen muss.
London oder: Wenn jeder mitmacht
Wer wissen will, wie weit sich der Begriff dehnen lässt, fährt nicht nach Venedig, sondern nach London. Seit 258 Jahren zeigt die Royal Academy of Arts ihre Summer Exhibition – die größte offene Kunstausstellung der Welt, und das im Wortsinn: Wer mag, reicht ein, für umgerechnet knapp 50 Euro pro Werk. 2026 gingen rund 18.000 Einsendungen ein. Eine Jury wählte 1.851 davon aus, knapp 2.000 Werke hängen am Ende an den Wänden von Burlington House, vom Boden bis zur Decke.
Koordiniert hat die Hängung in diesem Jahr der Konzeptkünstler Ryan Gander, selbst Mitglied der Royal Academy. Sein Motto: „Interconnectedness" – Vernetzung. Was das praktisch bedeutet, beschreibt er so: „Ich hatte Albträume und seltsame wiederkehrende Träume – kennst du Tetris, wo man versucht, Würfel aneinanderzureihen? Das war, weil ich so viele Werke gesehen und versucht habe, sie an den Wänden unterzubringen." Das ist ehrlich gemeint als Erschöpfungsbericht. Es trifft trotzdem das Prinzip der ganzen Veranstaltung.
Denn an den Wänden hängt: ein Selbstporträt von Tracey Emin, eine Fotografie von Marina Abramović, eine Arbeit von Anish Kapoor – Tür an Tür mit Stillleben, Wachsmalereien, Katzenporträts von Menschen, die zum allerersten Mal überhaupt ausstellen. Hobbymaler neben Ikone, ohne Hierarchie, ohne Vorzimmer. Gander selbst nennt das eine „wirklich demokratische Ausstellung, eine Ausstellung der Leute". Käuflich ist alles: für ein paar hundert Pfund bei den Einsteigern, für mehrere Zehntausend bei den etablierten Namen. Der Erlös kommt der hauseigenen, seit 1768 kostenlosen Kunstausbildung zugute, was die Sache ehrenwert macht und zugleich erklärt, warum am Ende wirklich jeder mitmachen darf, der zahlt.
Das Ergebnis ist eine Wand, an der Bedeutung keine Hängeposition mehr verdient – nur noch Platz. Gander selbst mag genau das: „Ich mag kuratorische Themen, die alles vorgeben, nicht besonders. Das Schöne an der Welt ist die Art und Weise, wie Dinge unbeholfen aufeinanderprallen." Das ist eine sympathische Haltung. Sie beschreibt aber auch ziemlich genau, wie Kunst aussieht, wenn der Markt sie nicht mehr sortiert, sondern nur noch verwaltet: alles gleichzeitig, alles gleich wichtig, alles gleich beliebig.
Kassel oder: Was passiert, wenn die Debatte das Werk ersetzt
Alle fünf Jahre, 100 Tage lang, ist Kassel der Nabel der Kunstwelt. Die documenta ist die weltweit bedeutendste nicht-kommerzielle Gegenwartskunstausstellung – zumindest laut Selbstauskunft. Und kein anderes Format führt so regelmäßig vor, was passiert, wenn das Konzept wichtiger wird als das Werk – oder, im Gegenteil, wenn das Werk selbst zum Konzept wird, das niemand mehr kontrollieren kann.
Die documenta 15 im Jahr 2022 ist dafür das schärfste Beispiel der jüngeren Geschichte. Das indonesische Kollektiv ruangrupa kuratierte eine Ausstellung, die Gemeinschaft, Kollektivität und Post-Kolonialismus ins Zentrum stellte – prinzipiell genau das, was Kunst können soll: unbequem, strukturkritisch, den eigenen Rahmen befragend. Dann wurde ein antisemitisches Wandbild entdeckt, die Direktorin trat zurück, die Debatte fraß die Kunst. Wochenlang sprach Deutschland über die documenta, aber kaum jemand sprach über ein einzelnes Werk.
Die documenta 16 kommt 2027. Naomi Beckwith, Chief Curator des Guggenheim New York, wurde als erste schwarze Frau zur künstlerischen Leiterin ernannt. Die Erwartungen sind formuliert, das Reformversprechen ist abgegeben, die Pressemitteilung ist verschickt. Jetzt muss das Werk kommen. Die Frage ist, ob das Format noch Platz lässt.
Der Markt als Kreislauf, der sich selbst genügt
Art Basel expandiert nach Katar. Vier Ableger gibt es inzwischen: Miami Beach, Paris, Hong Kong – und seit Anfang des Jahres das Emirat, das für Menschenrechtsverletzungen bekannt ist. Beobachter sehen zwei Motive: Das Emirat will sich als Kulturzentrum positionieren, und der Konzern Art Basel will Umsatz. Das ist keine überraschende Kombination.
Was der Report 2026 als „starken Markt für hochkarätige Arbeiten" beschreibt, meint vor allem: Namen, Provenienz, Sicherheit. Was gut investiert ist, ist, was gut anerkannt ist, was gut anerkannt ist, ist, was gut verkauft wird. Der Kreislauf ist geschlossen. Er ist so selbstreferenziell wie die Konzeptkunst, die er finanziert – nur ohne deren Reflexion.
Die VOLTA nennt das Gegenprogramm FRISCHE! – mit Ausrufezeichen, was den Wunsch mehr verrät als die Wirklichkeit. Als Satellit der Art Basel kreist sie um deren Gravitationszentrum. Der Planet bestimmt, was als avanciert gilt.
Hat Kunst ausgedient?
Hier sei ehrlich gesagt, was ich denke: Vielleicht schon. Nicht weil es keine guten Künstlerinnen und Künstler mehr gäbe. Sondern weil das Format, in dem Kunst öffentlich existiert, sie zunehmend in eine Rolle zwingt, die ihr nicht steht – Unterhaltungsshow, Investitionsobjekt, Einrichtungsservice.
Dabei war das vielleicht schon immer so. Mäzene kauften, was ihnen gefiel und was ihren Status erhöhte. Märkte existierten, solange Kunst existiert. Der Unterschied ist: Es gab Phasen, in denen Künstler experimentierten, probierten, scheiterten – und Sterne wurden, weil sie Risiken eingingen. Sie durften Geld verdienen. Sie durften Ruhm haben. Aber das Risiko war der Preis. Beuys ließ sich in Filz gewickelt per Krankenwagen in eine New Yorker Galerie bringen und verbrachte drei Tage mit einem lebenden Kojoten. Das war nicht Dekoration. Das war eine Behauptung.
Was ich heute auf Messen zu häufig sehe: Arbeiten, die bereits auf ihre eigene Kritik vorbereitet sind. Die die Einwände antizipieren und entschärfen. Die aussehen wie Fragen, aber Antworten sind. Glatt verpackter Weltschmerz, der sich gut ins Wohnzimmer passt.
Ich will das Werk, das sich wehrt. Das nicht passt. Das keine Erklärung anbietet, sondern eine Zumutung. Das ich nicht vergesse, weil es mich nicht loslässt – nicht weil die Pressemitteilung es mir erklärt hat.
Die Kunst, die das noch kann, existiert. Ich bin überzeugt davon. Aber sie findet sich nicht auf der Hauptmesse. Vielleicht in einem Nebenraum. Vielleicht in Büdelsdorf, in einer dunklen Hallenhälfte, vor der alle schnell vorbeigehen. Sie stellt keine Frage, die man beantworten und abhaken kann. Sie stellt eine, die einen nicht mehr loslässt.
Der Betrieb sagt: war schön. Die Kunst fragt: war es das?