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Design oder doch bloß Gestaltung?

| 6 Min Lesezeit | Kommunikation

Das Wort „Design” ist der teuerste Aufkleber der Kreativbranche. „Gestaltung” klingt dagegen nach Berufsschule, obwohl das Ergebnis oft wertvoller ist. Lesen Sie, wie wir die Begriffe besser sortieren und einsetzen sollten.

Im Netz gibt es dutzende Versuche, Design von Gestaltung zu unterscheiden. Sie lesen sich wie Philosophieseminare ohne Abschluss: viel Anlauf, kein Ziel. Am Ende steht meistens der berühmte Satz, man könne das nicht so genau sagen. Was irgendwie auch eine Aussage ist.

Dabei ist die Frage nicht akademisch. Sie berührt etwas Grundsätzlicheres: Wie wir Kreativität bewerten. Was wir für Handwerk halten – und was für Denkarbeit. Und wen wir in die erste Reihe setzen.

Zwei sich gleichende Konkurrenten

„Gestaltung“, das urdeutsch anmutende, etwas steif klingende, das Wort „Tat“ beinhaltende Substantiv, das mit der Endung -ung aus dem aktiven Verb „gestalten" ein Nomen formt. Es beschreibt einen Vorgang, über den es sich sprechen lässt, ohne dass gleichzeitig geschraubt und gehämmert wird. Und es zielt auf etwas Konkretes: eine sichtbare Gestalt.

Interessanterweise kennt auch das Englische das Lehnwort „Gestalt“. Vor allem in der Psychologie – aber auch im Design – bezeichnet es das Prinzip, dass ein Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile. Eine Idee so präzise gefasst, dass sie nicht übersetzt, sondern übernommen wurde.

Die Wurzeln des Begriffs „Design“, melodiös, weich und süßlich, liegen im Lateinischen: designare – „bezeichnen“, „markieren“, „skizzieren“. Über das italienische disegno, das in der Renaissance sowohl Zeichnung als auch geistigen Entwurf meinte, gelangte der Begriff ins Englische. Dort tauchte er im späten 16. Jahrhundert in seiner heutigen Schreibweise „design“ auf. Zunächst als Substantiv – „Plan“, „Absicht“, „Schema“ –, erst später als Verb: „to design“, entwerfen, planen. Das Wort ist also keineswegs jung – es hat im Englischen eine fast 500-jährige Geschichte.

Im Deutschen hielt man lange an „Gestaltung“ und „Entwurf“ fest. Erst im 20. Jahrhundert, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, setzte sich „Design“ als Lehnwort durch – und mit ihm eine Verschiebung. Nicht mehr der gewachsene Begriff bestimmte die Tätigkeit, sondern ein importierter Begriff definierte ihr Selbstverständnis. Design stand nun für die Verbindung von Ästhetik, Funktionalität und industrieller Produktion. Nicht mehr nur Form, sondern System. Nicht mehr nur Zeichnung, sondern Prozess.

Und damit begann das Problem.

Denn „Gestaltung“ verschwand nicht. Es blieb – als stiller Gegenbegriff. Älter, weniger aufgeladen, weniger eindeutig vermarktbar. „Design“ hingegen wurde zum universellen Etikett für alles, was nach Form, Idee oder Kreativität aussah. Ein Wort, das Anschlussfähigkeit versprach – und dabei an Schärfe verlor.

Manche Hochschulen halten deshalb bis heute an „Gestaltung“ fest. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Präzision. Wer sich Gestalter nennt, beschreibt eine Tätigkeit. Wer sich Designer nennt, beschreibt eine Rolle. Der Unterschied ist subtil – aber er verändert, worüber gesprochen wird.

Wer sich Gestalter nennt, beschreibt eine Tätigkeit. Wer sich Designer nennt, beschreibt eine Rolle.

Das Wort ist alt. Der Beruf ist jung.

Design existierte als Begriff lange bevor es Designer gab. Erst die Industrialisierung schuf die Lücke, die der Beruf füllte. Mit der Trennung von Entwurf und Herstellung wurde aus einer selbstverständlichen Praxis eine eigene Disziplin. Der Designer entstand dort, wo Gestaltung nicht mehr selbstverständlich im Tun enthalten war – weniger als Erfindung denn als Notlösung. Oder nüchterner: als Konsequenz.

Im Handwerk war Gestaltung implizit. Sie steckte im Material, im Werkzeug, im Erfahrungswissen. Mit der Industrialisierung wurde sie explizit – planbar, wiederholbar, übertragbar. Und genau hier setzt der moderne Designbegriff an: nicht beim Objekt, sondern beim Prozess, der es hervorbringt.

Die Gegenbewegungen sind bekannt. Die Arts-and-Crafts-Bewegung suchte die Rückkehr zur Einheit von Handwerk und Form. Das Bauhaus versuchte, diese Einheit neu zu denken – nicht als Rückschritt, sondern als Synthese.

Und wie hieß das dort? Nicht „Design“. Sondern „Gestaltung“.
Ausgerechnet dort, wo das moderne Design gedacht wurde.

Der Begriff „Design“ kam später – mit dem Versprechen von Internationalität, Markt und Moderne. Er brachte Sichtbarkeit, Anschlussfähigkeit, Exportierbarkeit. Aber er verschob auch die Perspektive: weg vom Tun, hin zur Bezeichnung. Weg von der Praxis, hin zu dem System, das sie beschreibt und verwertet.

Damit stehen sich heute zwei Begriffe gegenüber, die oft dasselbe meinen – aber nicht dasselbe tun.

Gestaltung beschreibt, was geschieht.
Design beschreibt, wie es erscheint.

Oder zugespitzt:

Gestaltung entsteht.
Design wird benannt.

Und manchmal auch: verkauft.

Hauptsache Design

Eine Lampe kostet 49 Euro. Dieselbe Lampe, mit dem Wort „Design" davor: 349 Euro. Was hat sich verändert? Nichts – außer dem Etikett.

„Design" ist längst ein Preisaufschlag geworden. Es funktioniert, weil es ein Versprechen transportiert: Durchdachtheit, Haltung, Überlegenheit über das Gewöhnliche. Ob dieses Versprechen eingelöst wird, interessiert den Katalog kaum. Das Wort adelt – und weil es adelt, klebt es heute auf Lampen, Joghurtbechern und Unternehmensberatungen gleichermaßen.

Und damit nicht genug: „Design" hat Nachwuchs bekommen. Reichlich. Einige Beispiele.

UX Design – User Experience Design – ist eine der erfolgreichsten Wortschöpfungen der letzten Jahrzehnte. Im Kern meint sie: Gestaltung, die den Nutzer in den Mittelpunkt stellt. Eine gute Idee. Doch das Fachgebiet leidet unter einer regelrechten Begriffsinflation: In 40 Jahren wurden allein für diese Disziplin zehn verschiedene Namen verwendet, im Schnitt alle vier Jahre ein neuer. Wer sich heute UX Designer nennt, war gestern vielleicht noch Interaction Designer, Information Architect oder Product Designer. Gleiches Handwerk, neues Etikett.

Eng verwandt, manchmal verwechselt: UI Design – User Interface Design. Während UX den gesamten Erlebnisprozess meint, beschreibt UI das konkret Sichtbare: Farben, Schriften, Buttons, Layout, im weitesten Sinne jede physische Schnittstelle wie Tablets und Brillen. Zwei verschiedene Tätigkeiten, zwei verschiedene Denkweisen. In der Praxis werden beide Disziplinen oft zusammengezogen, an Hochschulen gemeinsam studiert, im Beruf zum „UI/UX Designer" verschmolzen. Das ist nicht zwingend falsch – kleine Teams brauchen Menschen, die beides abdecken können. Die Frage ist nur: wer beides draufschreibt, sollte beides auch können. Und wer nur Wireframes baut, ist noch kein Gestalter. Wer nur Farben wählt, noch kein Erlebnisarchitekt.

Gleiches Handwerk, neues Etikett.

Bionic Design klingt nach Zukunft und Natur zugleich. Haifischhaut für Turbinen, Lotusblätter für wasserabweisende Oberflächen – die Idee ist substanziell. Aber klebt „bionic" an einem Sportshirt oder wirbt eine Kaffeemaschine mit „bionisch optimiert", wird die Natur zum Marketinginstrument. Design wird Vehikel, Echtheitsgarantie inklusive.

Prozessdesign – oder schlicht Ablaufgestaltung oder Produktionsplanung – ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn Kreativbranchen und Hochschulen neue Disziplinen erfinden müssen. Der Ablauf wird zum Prozess, die Planung zum Design, der Planer zum Process Designer. Klingt internationaler, lässt sich besser vermarkten, Anlass für ein neues Studienfach. Zynisch gefragt: kann man auch das nötige Organisationstalent studieren? 

Das Muster wiederholt sich: Ein neues Substantiv vor das Wort „Design" und das Kompositum steht – neue Disziplinen, neue Berufsbezeichnungen, neue Studienfächer und neue Preise.

Die Hackordnung der Kreativen

In Deutschland haben wir ein besonderes Talent für kulturelle Rangordnungen. Ganz oben: die Kunst – frei, zwecklos, erhaben. Darunter: das Design – angewandt, nützlich, kommerziell. Ganz unten, wenn auch ungern zugegeben: das Handwerk.

Diese Hierarchie ist nicht ausgedacht. Sie sitzt tief. Sie erklärt, warum sich Grafikdesigner als „Kommunikationsdesigner“ neu erfanden, warum Produktgestalter plötzlich „Industrial Designer“ hießen und warum heute kaum noch jemand einfach „Grafiker“ sein möchte.

Dabei wäre eine Umkehrung durchaus denkbar. In einer Welt, die sich zunehmend ins Digitale verflüchtigt, wächst vielleicht wieder die Ehrfurcht vor dem, was man anfassen, spüren und riechen kann. Handwerkliches Können als neuer Luxus. Und die Bildende Kunst? Bleibt sie nicht oft nur bei Selbstinszenierung und endloser Sinnsuche stehen – während der Gestalter still und präzise ein Problem löst?

Wie entsteht eigentlich Design? Und wie Gestaltung?

Fragt man Designer, wo ihre Arbeit beginnt, lautet die Antwort erstaunlich oft gleich: im Kopf. Mit einer Frage, einem Widerspruch, der nicht loslässt. Viele skizzieren – mit der Hand, auf Papier, weil der Stift langsamer ist als der Gedanke. Diese Langsamkeit hilft, Gedanken sichtbar zu machen. Andere beginnen direkt am Bildschirm, dort, wo das Material ist.

Was gute Designer gemeinsam haben: Sie fangen nicht mit der Oberfläche an. Sie fangen mit dem Problem an. Was soll gelöst werden? Für wen? Unter welchen Bedingungen? Kein romantischer Schöpfungsakt, sondern geduldige Analyse – manchmal wochenlang, bevor die erste Linie gezogen wird.

Gestaltung hingegen beginnt oft früher am Material. Die Hand greift zur Schrift, zur Farbe, zum Werkzeug – und im Tun entsteht Erkenntnis. Kein schlechterer Weg, sondern ein anderer. Manches lässt sich nicht denken, sondern nur machen.

Was muss man können? Für Gestaltung: ein geschultes Auge, Gefühl für Proportionen, Wissen um Material und Wirkung. Für Design im weiteren Sinne: all das – plus die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, ob die Aufgabe überhaupt richtig gestellt ist. Unbequem. Und genau deshalb selten.

Design als Denkweise, nicht als Disziplin.

Design Thinking: Die endgültige Entführung

Und dann kam Design Thinking. Und nahm das Wort vollends mit.

Plötzlich designten Unternehmensberater, Personalentwickler und Abteilungsleiter. Kritische Stimmen fragten, ob hier nicht gesunder Menschenverstand in ein neues Gewand gehüllt und mit einem Preisaufschlag weiterverkauft wird. Sie hatten nicht völlig unrecht.

Der Begriff „Design” wird hier endgültig von der Form gelöst. Es geht nicht mehr um Gestaltung im visuellen Sinne, sondern um eine Haltung: Empathie, Iteration und Prototyping. Man soll wie ein Designer denken, ohne Schere im Kopf: Erst werden viele Möglichkeiten geöffnet, dann wird die beste Lösung gefunden. Alles gut und richtig. Aber hat das noch etwas mit der Gestalterin zu tun, die eine Schrift auswählt, Farben abwägt und einen Rhythmus im Layout erspürt?

Vielleicht schon. Das wäre sogar die interessanteste Lesart: Design als Denkweise, nicht als Disziplin. Dann wäre Design Thinking keine Entführung des Begriffs, sondern eine Rückkehr zur alten Einheit von Konzept und Ausführung.

Nur teurer.

Das eine ohne das andere produziert entweder schöne Probleme oder hässliche Lösungen.

Was Gestaltung kann, was Design nicht kann

Bei aller Begriffsverwirrung: Es gibt einen Unterschied, der sich nicht wegdiskutieren lässt.

Gestaltung ist nah am Material. Sie kennt den Widerstand des Papiers, die Eigensinnigkeit der Schrift, das Gewicht einer Farbe im Druck. Sie entsteht im Tun und hat dabei Qualitäten, die kein Prozessmodell ersetzen kann: Handwerk, Gefühl, das geschulte Auge.

Design hingegen kann weiter greifen. Es kann ein System entwerfen, bevor das erste Pixel gesetzt ist. Es kann fragen: Warum machen wir das überhaupt? Für wen? Was wäre, wenn nicht? Der Designprozess beginnt mit einem Problem – und meint die Transformation dieses Problems in eine optimale Lösung. Gestaltung setzt später an: wenn das Problem schon benannt ist und die Form gesucht wird.

Beide brauchen einander. Das eine ohne das andere produziert entweder schöne Probleme oder hässliche Lösungen.

Eine persönliche Anmerkung und ein Vorschlag zum Schluss

Ich habe Textildesign studiert. Was ich gelernt habe, war textile Gestaltung: handwerklich, materialnah, oft einmalig. Kein System, kein Prozess im Sinne von Design Thinking – sondern das direkte Gespräch zwischen Hand, Material und Idee. Das war nicht weniger. Es war anders.

Und trotzdem hieß es „Design“. Weil „Gestaltung“ im Hochschulprospekt kleiner klingt. Weil Eltern beruhigter wirken, wenn man sagt, man studiere Design. Weil das Wort Türen öffnet, die dem anderen vor der Nase zufallen. Das sagt mehr über uns als über die Begriffe.

Ich möchte, dass Gestaltung, das Handeln, wieder im Vordergrund steht. Design als inflationärer Begriff hat an Wirkung verloren.  Fast alles wird zum Design und Designer. Aber vielleicht ist es auch nur ein deutsches Problem, das Denken vom Handeln, dem Konkreten, zu entkoppeln. Als Anglizismus mag der Begriff ja gut funktionieren. Als Lehnwort hat er sich jedoch zu sehr verkauft.

Also: ein Vorschlag. Nicht als Definition, sondern als Arbeitshypothese.

Design, wenn wir Lösungen meinen. Wenn die Frage noch offen ist. Wenn wir das Problem erst verstehen müssen, bevor wir die Form kennen können.

Gestaltung, wenn wir der Lösung ein Gesicht geben. Wenn die Hand ins Spiel kommt, das Material, das Auge. Wenn aus einer Idee etwas Sichtbares, Greifbares, Erlebbares wird.

Erst das eine, dann das andere. Erst Design, dann Gestaltung. Oder – um es auf den Punkt zu bringen:

„Lass uns das Design gestalten.“

Das klingt wie eine Dopplung. Ist es aber nicht. Es ist eine Beschreibung davon, wie gute Arbeit entsteht. Zwei Phasen, zwei Denkweisen, ein Prozess. 

Wer das versteht, weiß, was er wirklich tut.

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